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Studienreise 19. - 20.10.2012

 

Zwecks fachlicher und kultureller (Weiter-)Bildung reisten wir in die geschichtsträchtige Landschaft an Saale, Unstrut und Ilm im Grenzgebiet von Sachsen-Anhalt und Thüringen. Apolda, erstes Etappenziel, liegt an der Ilm, hat 23000 Einwohner, ist Kreisstadt des Kreises Weimar Land und bildet mit Weimar und Jena ein Städtedreieck. Große Bekanntheit erlangte Apolda durch die Wirk- und Strickwarenherstellung und das Glockengießen, beide mit einer über 250jährigen Tradition. Erstere brachte es als "VEB Obertrikotagen Apolda" zum größten Maschenwarenhersteller der DDR mit 3000 Beschäftigten. Das Blatt wendete sich 1990 durch starken Produktionsrückgang, es folgte Privatisierung.   Seit 1722 wurden in Apolda Glocken gegossen in bedeutenden Mengen und Maßen, darunter im Jahre 1923 die weltweit größte freischwingende Glocke, der "Dicke Peter" im Kölner Dom. 1988 war mit dem letzten Guss Schluss. Im 1952 eröffneten Glockenmuseum kann man sich näher und weiter über diese zwei traditionsreichen Apoldaer Erzeugnisse informieren. Unser Besuchsziel war natürlich die Vereinsbrauerei Apolda. Seit 1440 sind braugewerbliche Rechte des Schlossgutes und der Stadt belegt. Ab 1830 profitiert die Brauwirtschaft vom Aufblühen der Textilindustrie und vom Anschluss an die Fernbahn Halle-Erfurt bzw. Leipzig- Frankfurt/M.

1826 entsteht die Vereinigte Braukommune, 1872 die Städtische Braugenossenschaft aus 46 brauberechtigten Bürgern, 1860 ein zweites Brauunternehmen. Beide vereinigen sich 1887 zur "Vereinsbrauerei Apolda" AG, die schon 1904 43.200 hl ausstößt. Ab 1948 VEB, 1971 wird die 100.000 hl Grenze überschritten, von 1977 bis 1989 erlaubt die gute Qualität Exporte nach Bulgarien, Rumänien und Ungarn, 1976 erhält "Dominator-Spezial" und das Diabetiker-Pils das Gütezeichen Q und letzteres auf der Leipziger Herbstmesse eine Goldmedaille. Mit der Wende entfällt der Zusatz VEB, 1991 wird privatisiert und seither ist die Apoldaer Vereinsbrauerei in privater Hand. Einer der zwei Geschäftsführer der ersten Stunde und Mitgesellschafter ist Günter Ramthor. Unter den Braumeistern wohlbekannt, ist er seit 1968 in der Vereinsbrauerei Apolda: Ab 1970 Technischer Leiter, ab 1982 Betriebsleiter, von1990 bis 2001 Geschäftsführer und seit 1990 Mitgesellschafter und so heute noch "am Ball". Ihm zur Seite steht Werner Keyser von 1969 bis 2005 als Braumeister und Technischer Leiter mit maßgeblichem Anteil an der erfolgreichen Entwicklung der Brauerei.

Während des Rundgangs präsentierte sich uns eine piekfeine und -saubere Brauerei mit moderner Ausstattung. Die Würze aus dem 2,8 t / 180 hl - Sudhaus wird klassisch in Bottichen vergoren, Bild und Duft der Kräusen ließen unsere Brauerherzen höher schlagen. Reifung/Lagerung findet in ZKTs und liegenden Tanks statt. Die Filtration wurde kürzlich mit einem Separator erweitert und zum 125 jährigen Jubiläum gab's eine neue Keganlage für 50 Kegs/h. Auf einer 20.000er Anlage werden NRW- und Longneckflaschen gefüllt. Die Jahresproduktion beträgt 120.000 hl in einem sehr breiten Sortiment: Premiumpils und weitere Pilssorten, Bock und Hefeweizen; natürlich darf "Glocken-Pils" und "Glocken-Hell" nicht fehlen. Gut steht sie da, die Vereinsbrauerei Apolda in ihrem 125. Jubiläumsjahr. Zu Recht darf sie stolz sein auf das seit der Privatisierung Erreichte und vor allem darauf, wie Günter Ramthor betont hat, nicht abgewickelt oder von den "Großen" geschluckt worden zu sein. Wir wünschen dem Geschäftsführer und Mitgesellschafter Detlef Projahn und seinen Mitarbeitern ein gutes Weiterkommen auf dem erfolgreich eingeschlagenen Weg. Ein Gedanken- und Erfahrungsaustausch in herzlich kollegialer Atmosphäre bildete den geselligen Schlusspunkt dieses hochinteressanten Brauereibesuches, und wir verabschiedeten uns mit herzlichem Dank für Speis und Trank.

 

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                            Apoldaer Hochkräusen

 

Von der Ilm an die Unstrut nach Freyburg im Burgenlandkreis in Sachsen Anhalt. Freyburg ist Zentrum des Weinbaugebietes Saale – Unstrut mit einer über tausendjähriger Geschichte. Die Wirtschaft dieser Stadt mit 5000 Bewohnern ist seit 1856 von der Sektherstellung. geprägt. Firma und Erzeugnis heißen seit 1895 "Rotkäppchen", herrührend von der roten Verschlusskappe auf der Flasche. Auch 1948 bis 1990 mit dem Kürzel VEB war es ein bedeutendes Unternehmen, genoss Vorrangstellung; seine F/E-Stelle wurde 1975 die zentrale Forschungseinrichtung für die Wein- und Sektindustrie der DDR. Die Wende brachte Absatzeinbruch, Privatisierung und GmbH- Gründung, 1993 folgte ein Management- Buy-out, und dann ging's vor- und aufwärts, sogar steil! Man hatte Mut und 2002 "Mumm".

Wir erlebten einen aufschluss- und lehrreichen Betriebsrundgang, erfuhren die neuen Produktionsverfahren mit Tankgärung und Filtration, die Flaschengärung mit dem Transvasierverfagren und die klassische Flaschengärung mit dem arbeitsaufwändigen Rütteln der Flaschen zwecks Hefeabsetzung im Flaschenhals und dem finalen, große Fertig- und Fixigkeit erfordernden Degorgieren (Enthefen). Vergleiche zur alkoholischen Gärung des Bieres drängten sich zwangsläufig auf, und die Flaschengärung ist ja auch uns bekannt und z.T. noch in Gebrauch beim Hefeweizenbier.

Die Sektkellerei ist Freyburgs Touristenattraktion. Die Fabrikgebäude – Hauptbauphase 1880 bis 1900 im Stile Neorenaissance und Neobarock – sind ein Industriedenkmal. Täglich sind Besucher willkommen, für die unterschiedliche Programme geboten werden; Höhepunkt ist das riesige, mit wertvollen Schnitzereien verzierte Eichenholzfass - Fassungsvermögen 120.000 Liter - und kein Besucher sollte am Sektshop (auf deutliche Aussprache achten!) vorbeigehen "Rotkäppchen Sekt" beherrscht ein Drittel des deutschen Sektmarktes, ist also Spitze. In der Vereinsbrauerei Apolda erfuhren wir schon eine Erfolgsgeschichte eines ostdeutschen Unternehmens – hier nun eine ganz große.

 

Von der Unstrut an die Saale. Naumburg, die 34000 Bewohner beherbergende Kreisstadt des Burgenlandkreises, erwartete uns mit Kultur pur. Alles überragend und weithin sichtbar der Dom St. Peter und Paul, eine dreischiffige zweichörige Basilika mit vier Türmen und einem Kreuzgang, erbaut ab Mitte des 13. Jahrhunderts im spätromanischen und frühgotischen Stil. In seinem Innern sind u.a. die weltberühmten 12 "Stifterfiguren" zu bewundern, lebensgroß in Sandstein gehauen, deren bekannteste die Uta sein dürfte. Auch die behutsam und originalgetreu restaurierte Innenstadt macht Naumburg zu einer liebenswerten, immer gern besuchten Stadt, die auch Brauereitradition hat. Die "Brauerei zur Henne" wurde 1859 gegründet, ab 1913 "Hennenbrauerei" AG, von 1972 an VEB Stadtbrauerei bis 1990 und mit der Wende kam dann das Ende.

Es war – wieder einmal – eine inhalts- und erlebnisreiche Studienreise, dafür sei unserem Vorstand ganz herzlich gedankt.

Jürgen Zettler